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Alpin-Exkursion 21.7.2020

  • Hallo zusammen


    In den hiesigen Wäldern ist tote Hose, deshalb bin ich ein wenig in die Höhe gefahren, nämlich hierhin:


    Der Moiry-Stausee liegt auf 2300 m.ü.M. und bietet zu dieser Zeit jede Menge Pilze, aber halt nichts für die Pfanne.

    Unten im Tal waren über 30°. Nach etwa 200 Metern Weg und den ersten zwei Kollektionen wurde ich von einem Hagelgewitter begrüsst, mit gefühlten Temperaturen um den Nullpunkt und einem bissigen Gletscherwind.

    Ich wollte Durchhaltewillen zeigen, und sammelte völlig durchnässt zwei weitere Kollektionen, bevor ich mich frustriert auf den Rückweg machte.

    Die Familien und Hundehalter waren längst alle in ihre Autos geflüchtet.

    Nur ein paar unverwüstliche Wanderer und ein Spinner auf der Suche nach LBMs waren noch draussen.

    Und natürlich viele von diesen hier:


    Beim Auto angekommen, hatte das Wetter sich umentschieden. Die Sonne war wieder da.

    Ich verbrachte noch ca. 45 Minuten dort oben, und sammelte noch einige schöne Kollektionen.

    Interessant ist immer, wie die Reaktionen anderer Menschen auf diese Tätigkeit sind.

    Wenn man da am Boden kauert, mit einem Pilzmesser, Alufolie und Plastikschachteln, kann man folgendes erwarten:

    - Mitleidige Blicke

    - Angestrengtes Wegschauen

    - Heimliches Tuscheln

    - Vorwürfe, weil man hier die Natur zerstört (am Stadtrand jeden Babypilz ausreissen ist ok, in den Bergen ist das was völlig anderes)

    - Und ja, manchmal wird man auch freundlich gegrüsst


    Von meinen 11 Kollektionen muss ich noch die meisten bestimmen, nur schon mal diese zwei:


    1) Eine Lorchel, die ich mal vorsichtig Helvella philonotis nennen möchte.

    Keine Ahnung, ob die auch einen deutschen Namen hat.

    Die Bestimmung muss ich aber noch bestätigen lassen, da die Art in der Literatur nur dürftig vertreten ist.


    Hier im Regen:


    Und dann zu Hause, nachdem sie oberflächlich abgetrocknet sind:


    Sporen in KOH, 400x:


    2) Russula laccata (oder Russula norvegica):

    In der alpinen Region häufig, es gibt eigentlich keinen Ausflug wo man den nicht findet. Anderswo praktisch nicht zu finden.

    Das Foto ist deutlich vergrössert, die Hüte haben etwa 2 cm Durchmesser.

    Der Hut blasst oft wie im Bild extrem aus, manchmal findet man praktisch weisse Exemplare.


    Sporen in Melzer, 1000x:


    Die restlichen Kollektionen liefere ich dann irgendwann nach:

    - Zwei verschiedene Fälblinge

    - Zwei verschiedene Risspilze (oder vielleicht ist es derselbe)

    - Ein Bovist

    - Eine Telamonia

    - Und drei weitere, wo ich mich jetzt noch nicht auf eine Gattung festlegen will


    Viele Grüsse

    Raphael

  • Hallo Raphael,


    Helvella philonotis wäre schon ein sensationeller Fund. Die eigentlich in Nordamerika vorkommende Art ist in Deutschland bisher nur einmal in Niedersachsen gelistet. Ihr deutscher Name, Sumpfige Lorchel, sagt auch einiges über den Standort aus an dem die vorkommt.


    Mitleidige Blicke

    - Angestrengtes Wegschauen

    - Heimliches Tuscheln

    Das geht mir auch häufig so wenn ich auf einer Verkehrsinsel inmitten eines Bus- und Straßenbahnwendeplatzes meine Fotos mache.


    VG Jörg

    Weil Pilze keine Bücher lesen sehen sie selten so aus wie sie sollten

  • Helvella philonotis wäre schon ein sensationeller Fund. Die eigentlich in Nordamerika vorkommende Art ist in Deutschland bisher nur einmal in Niedersachsen gelistet. Ihr deutscher Name, Sumpfige Lorchel, sagt auch einiges über den Standort aus an dem die vorkommt.

    Hallo Jörg


    Die Art scheint praktisch nur arktisch/alpin vorzukommen und ist dort wohl gar nicht extrem selten.


    Vor ein paar Jahren wurden in der Gattung Sequenzanalysen durchgeführt, und folgende Namen laufen seitdem als Synonym für H. philonotis:

    - Helvella dovrensis Schum. 1992, aus Norwegen beschrieben

    - Helvella corium f. alpestris ss. Favre, 1955 aus der Schweiz (Graubünden) beschrieben

    - Helvella alpestris ss. Häffner 1987

    - evtl. auch Helvella queletii var. alpina Heim & Rémy 1932, Frankreich


    Im Schweizer Verbreitungsatlas die noch nicht alle synonymisiert, wenn man alle Namen zusammennimmt kommt man auf eine Handvoll Nachweise, alles alpin.

    Also doch recht weit verbreitet aber selten erwähnt.


    Unter dem deutschen Namen "Sumpfige Lorchel" finde ich die nahestehende Art Helvella palustris, die eher boreal/supalpin vorkommt und wohl etwas grösser wird.

    Habe ich leider noch nie in echt gesehen.


    Die "echte" Helvella alpestris, wie sie von Boudier beschrieben wurde, hat einen komplett schwarzen, weniger gefurchten Stiel.

    Die habe ich vor zwei Jahren auf einer alten Gletschermoräne auf 2700 m.ü.M. gefunden, leider nur mit einem miserablen Foto:


    Gruss Raphael

  • Hallo Raphael,


    den deutschen Namen hatte ich von hier da sonst keiner zu finden ist. Die nehme ich immer wenn es um meine seltenen Lorchelfunde geht. Wenn die aufgeführten Arten alles Synonyme sind dann komme ich auch nur auf drei Fundorte, zwei davon in den Bayer. Alpen. Das schein ja auch eine schwierigere Gattung zu sein.


    Ich habe im Vorjahr Ende Mai auch eine "Grubenlorchel" gefunden die einfach keine sein konnte und bin dann auf H. sulcata gekommen. Die hat mir später Christoph Hahn bestätigt. Ob die auch Artrang genießt bin ich überfragt. In diesem Frühjahr war es dann eine auf Laubholz gewachsene Gyromitra die nicht bestimmt werden konnte weil sie nicht alt genug wurden. Ich versuche aber weiter dran zu bleiben.


    Besten Dank für deine Erklärungen.


    VG Jörg

    Weil Pilze keine Bücher lesen sehen sie selten so aus wie sie sollten

  • Hallo, Raphael!


    Danke für den tollen Beitrag!


    Ein kleines, feines Alpines Hagelgewitter kann schon eine famose Sache sein - wenn man sich solange irgendwo vesteckeln kann, und nicht gerade exponiert und schutzlos am Grat steht.
    Stäubling (unbekannt) und Hagel (< 10 mm Korngröße)


    ...das war hier , allerdings längst nicht so hoch (Valle Loana, ca. 1200m), immerhin eine der wenigen Gelegenheiten, wo's richtig schön "hail fog" zu sehen gab.



    LG; Pablo.

    Das Internet ist "Hilfe zur Selbsthilfe" und kann nur Vorschläge zu Bestimmung von Pilzen bieten. Eine Verzehrfreigabe ist online nicht möglich, die gibt's beim >Pilzsachverständigen<.

  • Hallo zusammen


    Ich dachte ihr habt noch ein kleines Update verdient, was es sonst noch so gab dort oben:


    1) Cortinarius (Telamonia) galerinoides, Häublingsähnlicher Alpen-Wasserkopf:

    Es gibt einige ähnliche kleine Telamonien in der alpinen Stufe, diese hier zeichnet sich nebst der nicht allzu dunklen Farbe durch recht kleine Sporen aus.

    Die Sporen sind fein warzig, das sieht man leider auf den Mikrofotos kaum.

    2) Hebeloma marginatulum, Berandeter Fälbling

    Für diese Gattung bin ich Beker, Eberhardt und Vesterholt extrem dankbar für ihre Monographie (Fungi Europaei 14).

    Man muss sich am Anfang zwar ziemlich reinknien und einige schöne Kollektionen untersuchen, bis man damit zurecht kommt.

    Aber nachher ist der Bestimmungsschlüssel und die Dokumentation in dem Buch einfach unschlagbar.


    3) Inocybe egenula, Dürftiger Risspilz:

    4) Alnicola cholea (ohne deutschen Namen):

    Eine beinahe vergessene Art, die Ludwig unter Naucoria fellea als "vermutlich identisch" erwähnt.

    Moreau et al. haben später jedoch gezeigt, dass es eine eigene Art ist.

    Die Fruchtkörper sind stark vergrössert, der grösste hatte einen Durchmesser von 8mm.

    5) Lycoperdon cf. frigidum, Zwergweiden-Stäubling:

    Restlos sicher bin ich nicht, weil es kaum Literatur dazu gibt. Makroskopisch stimmt aber alles, mikroskopisch eigentlich auch. Insbesondere gibt es kaum Sterigmenreste an den Sporen.


    Zwei weitere Kollektionen (Inocybe und Cortinarius/Dermocybe) konnte ich bisher nicht bestimmen, wird wohl auch noch länger dauern.


    Die Wälder hier sind nach wie vor leergefegt. Am Sonntag war ich im montanen Nadelwald.

    Frust pur: Es gab ein paar einzelne Täublings-Mumien, für die mir der Speicherplatz auf der Kamera zu schade war.

    Ansonsten nur das hier, aber das in Mengen. Meine Familie hatte Freude daran, wir waren sie ziemlich egal... ;)


    Ich konnte es deshalb nicht lassen und war heute wieder sehr erfolgreich alpin unterwegs. Aber dazu ein anderes Mal.


    Viele Grüsse


    Raphael

  • Hallo, Raphael!


    Alpin macht Spaß. :thumbup:
    Wenn sich diese Funde oberhalb der Baumgrenze abspielten, wären die Mykorrhizaverbindungen von Cortinarius, Hebeloma, Inocybe und Alnicola natürlich auch interessant.
    Wusste ich selbst lange Zeit auch nicht, aber als Mykorrhizapartner kommen ja auch allerlei strauchige und krautige Pflanzen in Frage, sogar bestimmte Gräser.
    Im Flachland auf Magerwiesen staunte ich letztes Jahr nicht schlecht, als mir Cortinarius pratensis erklärt wurde, der wohl mit Sauergräsern Mykorrhiza bildet (oder waren es Süßgräser?)





    LG, Pablo.

    Das Internet ist "Hilfe zur Selbsthilfe" und kann nur Vorschläge zu Bestimmung von Pilzen bieten. Eine Verzehrfreigabe ist online nicht möglich, die gibt's beim >Pilzsachverständigen<.

  • Hallo Pablo,


    Ja, das ist wirklich spannend, leider im alpinen Bereich sehr schlecht erforscht. Meistens steht in den Büchern einfach "bei Salix und Dryas".


    Interessant ist z.B. Alnicola cholae, die ich gefunden habe. Die ist offenbar streng verbunden mit Polygonum viviparum (Knöllchen-Knöterich), der alpin eigentlich überall häufig ist. Trotzdem scheint der Pilz selten zu sein, oder wird halt nicht beachtet.


    Lg, Raphael

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