Kegelförmige Herzflechte (Acrocordia conoidea) im Felsengarten

Es gibt 12 Antworten in diesem Thema, welches 928 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (4. März 2023 um 21:04) ist von KaMaMa.

  • Hallo!

    Am Sonntag ging es in die Felsengärten bei Hessigheim ob dem Neckar.

    Ein sehr schönes Kalksteinlabyrith, in dem nicht nur bei schönem Wetter die Bergsteiger üben dürfen, obwohl es ein NSG ist, sondern natürlich auch schöne Flechten leben.

    Die erste Flechte, die ich vermutlich (hoffentlich richtig) bestimmen konnte, möchte ich hier zeigen, auch weil sie als selten bis sehr selten gilt und mich gefordert hat.

    Aber zuerst einige Eindrücke von der tollen Gegend:

    Bild 1 Blick auf die Südseite des Kalkkliffs

    Bild 2 Kalkformation

    Bild 3 Fenster in den Kalkfelsen

    Bild 4 Fundstelle, für den unbedarften Besucher unspektakulär

    Bei näherer Betrachtung zeigen sich interessante, epilithische Flechten, von denen ich mit einige Krümel (!) mitgenommen habe.

    Bild 5 Im Vollbild sind rötliche Flecken auf dem Fels zu erkennen, die ich so noch nicht gesehen hatte

    Bild 6 Pyrenocarpe Flechte mit rötlich-braunemn Thallus

    Bild 7 Größeres Exemplar

    Ich entnehme tatsächlich nur winzige Krümel, die ich gar nicht alle gebraucht hätte.

    Wichtig ist es, einige Fruchtkörperchen zu ewischen.

    Bild 8 Probendöschen (2,5cm) mit Flechtenprobe; rechts drei Krümel für den Farbtest unter der Lupe

    Die Farbreaktionen sind tatsächlich schwierig bei diesen winzigen Proben.

    Unter dem Mikroskop blutet der Thallus in verdünnter KOH deutlich gelb aus - was aber gar nicht bestimmungsrelevant ist.

    Bild 9 Drei Fruchtkörper, eingesenkt in einen braun-rötlichen Thallus.

    Die geernteten Perithecien sind mit 300 - 400 µm recht klein.

    Ich schneide eines in der Mitte durch, um zu prüfen, wie weit das schwarze Involucrellum in die Tiefe geht:

    Bild 10: Das schwarze Gehäuse reicht rund herum. Die Form ist oberseitig halbkugelig, unterseits flach.

    Unter dem Mikroskop lassen sich Grünalgen mit karotinoidhaltigen Tröpfchen entdecken, Trentepolhia-Algen!

    Bild 11 Trentepolhia-Algen zwischen und unter dicken Kristallen

    Farblose 8-sporige Schläuche lassen sich in großer Zahl finden.

    Die farblosen Sporen sind zweizellig und von einer sehr dicken Hülle ungeben.

    Bild 12 Paraphysen verweigt

    Bild 13 Asci (IKI-) ohne einfärbbarer Apikalapparat (Lugol), weil offenbar fissitunikat

    Besser erkennbar sind die Sporen und die Okularkammer an der Schlauchspitze nach Einfärben mit Baumwollblau (BWB).

    Durch die zweizelligen Sporen scheiden Flechten der Gattung Verrucaria aus, an die ich eigentlich gedacht hatte.

    Bild 14 In den Schläuchen liegen seriell 2-zellige Sporen mit breitem Septum zwischen gleich großen Zellen (BWB)

    Die Sporen-Abmessungen liegen bei 11-14,5 x 7,0-8,5 µm,

    Die (Schleim)Hülle um die Sporen hat eine Dicke um 1 µm.

    Die Flechtengattung lässt sich nach Wirth relativ zügig und sicher bestimmen:

    Rein krustiger, areolierter Thallus auf Kalkstein

    Ellipsoide Sporen, 2-zellig, farblos, am Septum nicht eingeschnürt

    Ungekammerte, schwarze Perithecien

    Seriell 8-sporige, zylindriche Schläuche

    Trentepolhia-Algenpartner

    und

    Sporen mit dicker Scheidewand

    einreihig in Ascus

    mit Schleimhülle und mit gerundeten Enden

    Zellen gleich groß

    Asci zylindrisch mit deutlicher Okularkammer

    Paraphysen spärlich verzweigt

    => Gattung Acrocordia

    Von der Gattung Acrocordia kommen in D vier Arten vor, von denen nur 2 auf Kalkstein vorkommen, die anderen beiden auf Rinde.

    Von der Sporengröße und der Thallusfärbung sollte hier Acrocordia conoidea vorliegen, die Kegelförmige Herzflechte.

    Sie kommt auf glattem, unverwittertem, maximal feinporösem Kalkstein vor, an regengeschützter Stelle an Vertikalflächen, an luftfeuchtem, windgeschütztem, schattigem Standort.

    Sie gilt als selten in den Gebieten des Jura und der Schwäbisch-Frankischen Alb und den Bayerischen Alpen, sonst als sehr selten.

    Im Neckarland offenbar (lt. Wirth) bisher nicht nachgewiesen...

    Die andere auf Kalkstein auftretende Acrocordia-Art A. salweyi (Salweys Herzflechte) hat deutlich größere Sporen und bevorzugt porösen Kalkstein.

    Ein schöner Fund - wenn es denn so stimmt.

    LG, Martin

  • Hallo Martin, wundervolle Landschaft. Bin ca. 2x jährlich im Raum um den Schönbuch unterwegs (Verwandschaft).

    Beim nächsten Mal muß ich wohl nördlich von Ludwigsburg wandern.:shy:

    LG Emil

  • Hallo Marin,

    da ist dir in einer traumhaften Landschaft ein sensationeller Fund gelungen und auch noch super geschlüsselt und beschrieben, das werde ich mir mal intensiver anschauen.:claps:

    Erstaunlich das diese winzigen Proben so viel über die Flechte aussagen wenn man es deuten kann.

    Die Flechte habe ich bisher noch nicht gesehen.

    LG

    Bernd

  • Hallo Bernd,

    ist für mich ein Erstfund!

    Ich wollte möglichst wenig Material von der Flechte entnehmen, denn ich kannte sie erstens nicht - sie ist vielleicht recht selten - und zweitens befand ich mich in einem Naturschutzgebiet.

    Da möchte man wenig stören.

    Aber wie du siehst, reicht aber u.U. sehr wenig Material für eine Bestimmung aus.

    LG, Martin

    P.S.

    Ich sollte da öfter hin!

    Es liegt keine 10km weg von zuhause. :)

  • ... einen zweiten Fund von dort (Lecania cuprea) stelle ich im Nachbarforum ein, da ich mir nicht sicher besonders bin, ob ich mit meiner Bestimmung richtig liege.

    Dort kommen öfter mal Leute vorbei, die sich mit Flechten besser auskennen.

    Martin

  • Hallo Martin,

    habe das Forum mal angeklickt, auch eine interessante Flechte dein Fund, sieht auf dem ersten Blick gar nicht so schwierig aus, aber .........:omg:

    Gruß

    Bernd

  • Hallo Martin,

    bin nochmal da, ich suche krampfhaft die von dir genannte Flechte Lecania cuprea, hat die ev. noch einen anderen Namen? Kann nichts finden!!

    Gruß

    Bernd

  • Hallo Bernd,

    kann gut sein, dass sie in deinen Büchern nicht genannt wird.

    Google sie mal, dann wird du sie finden.

    Z. B. hier: Paper von P. Czarnota "Lecania cuprea and Micarea pycnidiophora (lichenized Ascomycota), new to Poland", Paper-Download

    ... und mein Link oben führt dich auch zu ihr! ;)

    Synonyme lt. British Lichen Society für Lecania cuprea sind Bacidia cuprea, Bilimbia cuprea, Catillaria umbraticula.

    LG, Martin

  • Hallo Martin,

    habe dank deiner Hinweise die besagte Flechte gefunden, es gibt ja reichlich Varianten der Art, interessant da mal durch zu blättern.

    Unter diesen Link ( Lichens marins ) habe ich einige angeschaut, die auf kalkhaltigen Gestein und auch Gehölz vorkommen.

    Aber die Seite ist dir sicherlich auch bekannt.

    LG

    Bernd

  • Hallo Bernd,

    ja, das ist eine der besten Seiten!

    Und: die Seite werden ich heuer noch brauchen, der Urlaub in die Bretagne ist gerade gebucht! :)

    LG, Martin

  • Hallo Martin,

    das gibt ja Unmengen Flechten und viele andere schöne Dinge in der Natur. Wenn es dann losgeht, ich denke es dauert noch ein wenig, ganz viel Freude mit Kamera und Rucksack!!:omg::smilec:

    LG

    Bernd