Gibt es Morchelzeigerpilze?

Es gibt 10 Antworten in diesem Thema, welches 833 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (13. April 2024 um 12:16) ist von IngeS.

  • Hallo Pilzfreunde,

    man hört ja vieles über Zeigerpflanzen, die auf mögliche Morchelhabitate hinweisen, aber gibt es auch Zeigerpilze (z.B. wie der Mehlräsling als Steinpilzanzeiger)?

    Abgesehen vom Morchelbecherling ist das Einzige was ich hierzu gefunden habe die etwas zweideutige Aussage hier auf 123Pilze zum Frühen Faserling: "Ein häufiger Frühjahrespilz und ein Anzeiger, dass es bald Morcheln geben könnte." Hierbei ist mir nicht ganz klar, ob dies bedeutet, dass der Pilz nur in zeitlichem Zusammenhang mit Morcheln erscheint oder ob er tatsächlich ein potenzielles Morchelgebiet anzeigt.

    Schmalblättriger Faserling, Früher Mürbling, Früher Faserling, Waldackerling (PSATHYRELLA SPADICEOGRISEA SYN. PSATHYRELLA VERNALIS, PSATHYRELLA SPADICEOGRISEA FORMA VERNALIS, PSATHYRELLA SPADICEOGRISEA FORMA EXALBICANS, PSATHYRELLA EXALBICANS)

    Vielfach habe ich die Aussage gehört, die roten Prachtbecherlinge wären Morchelgebietanzeiger, ein Nachweis oder eine Bestätigung in Literatur oder von einer renommierten Webseite fehlt mir jedoch hierzu noch.

    Nicht so richtig überzeugt bin ich vom Video der beiden Kollegen hier (einer ist PSV). Hier wird hier z.B. der Klebrige Hörnling. Außerdem Austernseitling, Samtfußrübling und Buchenadernzähling als Zeigerpilze genannt. was ich mir allenfalls dadurch erklären könnte, dass diese Pilze als Feuchteanzeiger dienen könnten. Holzzersetzer sagen über die Bodenverhältnisse ja wenig aus. Es sieht mir auch nicht so richtig danach aus, als ob die Jungs tatsächlich in einem Morchelhabitat unterwegs sind.

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    Würde mich interessieren, ob es hierzu vielleicht noch mehr Erfahrungen gibt.

    Viele Grüße,
    Mr. X

    Edit: Habe gerade nach Absenden des Beitrags noch folgenden Thread gefunden, in dem Begleitpilze genannt werden. Leider ist das verlinkte Dokument nicht mehr abrufbar.

    In der "Bingelkraut/Lerchensporn/Silberblatt- Gesellschaft":

    Zinnoberroter Kelchbecherling und andere kleine Becherlinge, Helmlinge (M. pelianthina, rosea, diosma), Schleimschirmlinge (Limacella glioderma, guttata, illinita), Körnchenschirmlinge, Tintlinge (Spechttintling), Faserlinge (P. multipedata, conopilus), Keulen, versch. Täublinge u. Milchlinge

    In der Bingelkraut/Lerchensporn/Silberblatt- Gesellschaft" sollten sich neben Morcheln und Verpeln auch

    Becherlinge, Zwerg-Blutschirmling, Schleimiger Schüppling, Tintlinge, Faserlinge, Rötlinge, Dachpilze u.a.

    Alle meine Aussagen in diesem Forum sind nur als Bestimmungshilfen und keinesfalls als Verzehrfreigabe zu verstehen.

    Einmal editiert, zuletzt von MisterX (7. April 2024 um 10:38)

  • Hi.

    Die Artengruppe um den Frühen Faserling ist sicherlich kein Zeigerpilz, sondern wächst einfach nur zur gleichen Zeit.

    Generell ist es schwierig Morchel-Habitate zu pauschalisieren, weil es eben verschiedene Arten mit verschiedenen Ansprüchen gibt. Du wirst in anthropogen beeinflussten Habitaten eher keine Morchella deliciosa finden, auf Rindenmulch keine Morchella esculenta, unter Obstbäumen keine Morchella norvegiensis, für M. steppicola musst du Steppenrasen aufsuchen (gut, das wird schwierig bei uns), andere Arten stehen wiederum auf Brandstellen.

    Im Fichten-/Kiefern-/Weißtannenwald hast du halt andere Begleitpilze als auf einer Obstwiese oder Brandstelle. Dementsprechend sinnlos empfinde ich die Suche nach pauschalen Morchel-Zeigerpilzen, dafür sind die Ansprüche zu unterschiedlich.

    Kalkboden würde ich als relevantestes Suchmerkmal nutzen, um die Chancen zu erhöhen zumindest irgendeine Morchel zu finden. Bei Morcheln, die in anthropogenen Habitaten wachsen, spielt das aber auch wieder keine Rolle würde ich meinen.

    Zitat

    Austernseitling, Samtfußrübling und Buchenadernzähling

    Das Video habe ich mir jetzt nicht angeschaut, aber die genannten Pilzarten sind hier in diversen morchelfreien Habitaten gängig...die "Zeigerqualitäten" der genannten Arten würde ich auch anzweifeln.


    LG.

    Keine Verzehrfreigaben meinerseits.

  • Hallo zusammen,

    lustigerweise sind etliche der genannten "Morchelzeigerpilze" seltener als das, was sie anzeigen sollen, sodass man eher von Morcheln als "Zeigerpilze" für den Prachtbecherling oder den Kelchbecherling sprechen müsste. Holzbewohnende/holzzerstetzende Pilze sind natürlich als Zeigerpilze für was-auch-immer total ungeeignet, das einzige was sie anzeigen ist, dass das Gehölz sich einen Pilz gefangen hat.

    Generell spricht man von Zeigerflora nur im Zusammenhang mit Boden-, Licht- und Luftverhältnissen, es gibt keine Zeigerflora für irgendwelche botanischen Arten. Die vermeintlichen "Zeigerpflanzen" oder "-pilze" haben einfach nur die gleichen Standortansprüche als das, was sie anzeigen sollen. Ob das dann letzlich an dieser Stelle auch erscheint, ist mehr oder weniger zufällig. Bei den Morcheln ist es so, dass man stundenlang durch geeignete Habitate mit "Zeigerpflanzen" laufen kann, ohne dass man auch nur eine Morchel zu Gesicht bekommt. Hundert Schritte weiter stehen sie dann, ohne dass man nun genau sagen könnte, was den "erfolgreichen" Standort von komplett unbesiedelten Standorten unterscheidet. Es ist der gleiche Boden, es sind die gleichen Pflanzen, aber an der einen Stelle stehen Morcheln da, an hunderten anderen Stellen nicht. Also in meinen Augen ist die Geschichte mit den "Zeigerpflanzen" bzw. "Zeigerpilzen" für Morcheln Humbug.

    Übrigens geht man beim Erschließen neuer Morchelstellen auf die beschriebene Weise nicht vor. Am erfolgreichsten ist es, sich von einem Auskenner einen Wald/ein Habitat nennen zu lassen, in welchem dieser schon oft Morcheln gefunden hat. Dann geht man in dieses Habitat und nimmt sich drei bis fünf Stunden Zeit und macht einen ausgedehnten Spaziergang im Mykologentempo (das ist extrem wichtig, denn das übliche Spaziergangtempo ist für eine Morchelsuche viel zu schnell!). Findet man dann tatsächlich Morcheln, notiert man sich die exakte Stelle auf Papier oder merkt sie sich einfach. Beim nächsten Mal läuft man diese Stellen gezielt an, d. h. an diesen Stellen geht man sogar unter das Mykologentempo und scannt den Boden genauestens. Ich selber habe mir auf diese Weise etwa hundert Morchelstellen selbst erarbeitet, wobei mir zugegebenermaßen mein gutes Ortsgedächtnis hilft, und laufe diese dann während der Saison immer wieder ab.

    FG

    StephanW

    Für meine hier gemachten Aussagen zu Pilzen übernehme ich keinerlei Haftung, es sind insbesondere keine Essfreigaben.

  • Bei den Morcheln ist es so, dass man stundenlang durch geeignete Habitate mit "Zeigerpflanzen" laufen kann, ohne dass man auch nur eine Morchel zu Gesicht bekommt.

    Ich kann ein Lied davon singen :rolleyes:

    hundert Morchelstellen

    Das ist beachtlich...ich bin derzeit bei 2 Morchelstellen ^^

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  • Ich sollte noch ergänzen, dass in einem durchschnittlichen Jahr an etwa zwei bis drei meiner hundert potenziellen Morchelstellen tatsächlich etwas kommt. Zusätzlich kommen meistens pro Jahr weitere zwei bis drei Stellen dazu, an denen ich bisher noch nie was gesehen hatte. Was oft behauptet wird, dass Morcheln standorttreu seien, kann ich also in keinster Weise bestätigen. Es ist eher so, dass sie an sich schon im gleichen Waldstück stehen, dort aber immer woanders und immer aufs Neue gesucht werden wollen.

    FG

    StephanW

    Für meine hier gemachten Aussagen zu Pilzen übernehme ich keinerlei Haftung, es sind insbesondere keine Essfreigaben.

  • Hallo in die Runde, bei meiner Morchel gestern standen etliche Lorcheln in der Nähe. Das muss aber nicht sein. Stephan verweist oben zu Recht auf ähnliche Ansprüche an den Boden, aber wenn keine Sporen dorthingekommen sind, wachsen eben keine Morcheln. Auch im Buch Morcheln von Gerber werden zwar Frühjahrspilze und "Zeigerpflanzen" beschrieben, die Qintessenz ist aber: "Kann sein, kann auch nicht sein." Man wird also fleißig weitersuchen müssen. Gruß Henry

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    Meine Fotos sind alle gemeinfrei und dürfen für persönliche Zwecke verwendet werden. Es gelten die üblichen Zitierregeln. Bei Weiterreichung bzw. Verwendung für kommerzielle und nichtkommerzielle Publikationen bedarf es einer persönlichen Abstimmung.

  • Umgekehrt kann man auch nicht von der Abwesenheit bestimmter Pflanzen darauf schließen, dass an diesen Orten keine Morcheln vorkommen können. Es ist z. B. nicht so, dass Speisemorcheln nur unter Eschen oder Apfelbäumen kämen. Ich habe sie auch schon unter Haselnuss, Wildkirsche, Eiche, Kiefer oder Hartriegel gefunden. Selbstverständlich auch mitten auf der Wiese ganz ohne Bäume. Wenn es tatsächlich ein Erscheinungsmuster gibt: die abgesuchten Stellen sollten grundwassernah sein, aber der Boden darf nicht lehmig-matschig sein, das wäre dann eher was für die Käppchenmorchel. Die Speisemorchel liebt dagegen lockeren Boden, der zum wesentlichen Teil aus Sand besteht.

    FG

    StephanW

    Für meine hier gemachten Aussagen zu Pilzen übernehme ich keinerlei Haftung, es sind insbesondere keine Essfreigaben.

  • Hallo, es bleibt schwierig, wenn man verallgemeinern will. Meine Gemeine Morcheln im Garten kamen zwei Jahre auf Rindenmulch unter Beerensträuchern auf Sandboden. Die Graubraunen Morcheln in einem anderen Garten kommen idR im April im ständig gemähten Gras/Moos auf Lehmboden. Das Grundwasser (es gibt zwei Schichten mit unterschiedlicher Fließrichtung) steht mindesten zwei Meter darunter. Die diesjährige Speisemorchel stand auf kurzem Gras/Moos am Wegesrand. Konnte dort aber nicht den Boden untersuchen. Gruß Henry

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  • es bleibt schwierig, wenn man verallgemeinern will.

    Das scheint für mich die wichtigste Erkenntnis des Threads zu sein. Bei den Morcheln gibt es sehr unterschiedliche Arten und auch innerhalb einer Art oder Artengruppe halten sie sich nicht unbedingt an feste Regeln bezüglich ihrem Erscheinungsort und -zeitpunkt. Daher ist es schwierig bzw. wenig sinnvoll, Zeigerpilze anzugeben.

    Vielen Dank für alle Antworten und die interessante Diskussion.

    Alle meine Aussagen in diesem Forum sind nur als Bestimmungshilfen und keinesfalls als Verzehrfreigabe zu verstehen.

  • Daher ist es schwierig bzw. wenig sinnvoll, Zeigerpilze anzugeben.

    Das gilt auch für Morchelbecherlinge- die haben in einem bestimmten Habitat hier bei uns ein jährliches Familientreffen mit zahlreichen Teilnehmern, aber Morcheln gleich welcher Art habe ich dort jeweils vergeblich gesucht:smilec:.

  • Mykologentempo

    sehr schön ausgedrückt Stephan!

    Darf ich ergänzen? Insektenfotografier-Modus.

    Nach 3 Stunden auf den Knien und in der Hocke für Heuschreckennymphchen und Wildbienen war ich so wohlig zufrieden fokusiert, dass mich dieser hübsche Lockenkopf in Kiefernnähe auf sehr trockenem Kiesgrubenhügel begrüßte.

    Das war die Krönung des Tages.

    Der solitäre Fruchtkörper darf gerne weitersporen, hab ihn etwas getarnt, damit niemand anderes drüberstolpert.

    Dieses Jahr zeigen sich mir an immer neuen Stellen Morchellas, vielleicht weil ich sie nicht suche?

    Vielleicht weil ich sie stehen lasse?

    non-harming

    just-looking

    perfektes Pilz-Glück!

    2 Mal editiert, zuletzt von IngeS (14. April 2024 um 23:35)