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  • Hallo zusammen,

    bislang hielt ich mich bei den Riesenschirmlingen stets an meine Literatur und an die Suchmaschine hier. Dabe habe ich auch noch keine schlechten Erfahrungen gemacht.

    Daher war ich etwas verwundet, dass bei der Pilzkontrolle nicht nur meine 5 wunderschönen Schirmlinge, sondern auch von anderen Sammlern insgesamt ein halber Eimer voll konvesziert und als nicht Speisepilze ausgewiesen wurden. Auf Nachfrage hiess es, Schirmlinge seien zu schwierig und kritisch. Daher würden nur "Parasol" und "Safranschirmling" freigegeben.

    Wenn ich das richtig verstanden habe, dann sind von den grossen Schirmlingen nur der Gift-Riesenschirmpilz (Gift Riesenschirmpilz, Gartenriesengiftschirmling, Garten Giftschirmling Gift-Safranschirmling (CHLOROPHYLLUM VENENATUM SYN. MACROLEPIOTA VENENATA)) nicht zu verspeisen. Der hat aber eher einen kurzen, etwas dickeren Stiel und soll nicht gut riechen. Auch sonst schaut er für mich deutlich anders aus als diese hier (_Genau_ die habe ich vorgezeigt):

    40755-dsc2787-klein-jpg


    40756-dsc2790-klein-jpg


    Ich will ausdrücklich KEINE Verzehrfreigabe. Ich weiss, dass das schwierig ist anhand von Fotos.

    Aber ich würde gerne etwas lernen. Auf was ist GENAU zu achten? Was habe ich da eurer Meinung nach gefunden und vorgezeigt? Und gibt es ausser dem o.G. noch andere Verwechslungsmöglichkeiten? Aktuell kann ich nämlich dem Kontrolleuer nicht ganz folgen (Dem ich mal deutlich mehr Ahnung von der Materie unterstelle als mir :D ).


    Danke und VG

    Raphael

    Sind Schweizer mit an Bord? Lust auf gemeinsame Streifzüge im Rheintal und Appenzell?

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  • Hallo, Raphael!


    Ui, taxonomisch ist das verlinkte Portrait in einem desaströsen Zustand. ?(

    Diese "Macrolepiota venenata" muss momentan als nomen dubium angesehen werden. Das gleiche gilt erst recht für "Chlorophyllum venenatum": eine nicht sauber definierte Art kann man auch nicht schlüssig zu einer anderen Gattung umkombinieren.
    Soll nicht heißen, daß es sowas nicht geben könnte, aber die Originalbeschreibung ist unzureichend, und im weiteren Verlauf wurde das Taxon "venenatum" für allerhand Schirmlinge verwendet, kann also kaum noch einheitlich interpretiert werden.

    Was in dem Portrait zu sehen ist, ist Chlorophyllum brunneum s.l. (= Gerandetknolliger Garten - Safranschirmling), wobei sich hinter dem Namen möglicherweise auch mehr als eine Art versteckt, und eventuell hängt da das Phantom "Macrolepiota venenata" auch irgendwie mit drin.


    Ist also im wissenschaftlichen Sinn nicht so einfach.
    Wenn es um den Speisewert bzw. die Unterscheidung von giftig und ungiftig geht: Das ist ziemlich leicht.

    Die Riesenschirmlinge teilen sich in zwei Gattungen.
    Die eigentlichen Riesenschirmlinge (Gattung: Macrolepiota) und die Safranschirmlinge (Gattung Chlorophyllum).

    Sämtliche Riesenschirmlinge in Europa sind essbar. Nur bei den Safranschirmlingen gibt es im Freiland eine (oder zwei, siehe ausführung oben) giftige Art.

    Man kann es sich also einfach machen, und nur Riesenschirmlinge sammeln und die Safranschirmlinge stehen lassen, dann ist man auf der sicheren Seite.


    Deine Funde auf den Bildern sind klar und eindeutig Riesenschirmlinge: Denn die Stiele sind ja sowas von deutlich genattert.
    Safranschirmlinge haben nie genatterte Stiele, sondern einfach nur längsfaserige. Ein weiteres, aber nicht ganz so sicheres Merkmal um die beiden Gattungen zu trennen, ist die Verfärbung: Safranschirmlinge verfärben meistens (nicht immer, wenn zu alt, zu trocken oder sonstwas) im Stiel- und im Hutfleisch deutlich und rasch safranrot, wenn man sie aufschneidet. Riesenschirmlinge können auch verfärben, aber nur manche Arten tun das gelegentlich, und dort betrifft es im Grunde nur die Stielrinde und die läuft dann weinrot an, also in einem viel trüberen, dunkleren Farbton.

    Es gibt weitere Unterschiede in der Anatomie der Hutschuppung und natürlich im mikroskopischen Bereich, aber Verfärbungsverhalten und stielnatterung sollten schon absout ausreichend sein, um die beiden Gattungen makroskopisch im Feld sicher zu trennen.
    Insofern verstehe ich nicht ganz, warum ein Pilzsachverständiger diese eindeutigen Macrolepioten nicht freigibt, es sei denn, sie wären zB überständig.
    Bei Safranschirmlingen würde ich es schon verstehen, wenn da ein PSV generell keine Freigaben erteilt. Denn da ist die Unterscheidung bisweilen schwierig, und die einzige Art, die man da bei momentanem Vorschungsstand unbedingt zum Verzehr empfehlen kann, ist der Olivbraune Safranschirmling (Chlorophyllum olivieri).
    Das wäre die meistens relativ langstielige Art mit nicht allzu groben, zahlreichen Hutschuppen, die nahezu im selben Farbton des Untergrundes sind. Die Art findet sich meistens innerhalb von Wäldern auf einigermaßen nährstoffarmem Boden, während die anderen (kritischen bis giftigen) Arten in Wuchsform, Hutschuppung udn teils Ringstruktur anders aussehen und mehr oder ewniger stark nitrophil sind, also auf nährstoffreichen Standorten wachsen.


    Also kurzum:
    Was du da hast, mit genatterten Stielen, deutlich doppeltem, komplexem Ring und ohne rasante Verfärbungen ist definitiv essbar, sofern man die Pilze in der Hand hat und auch die Frische beurteilen kann.



    LG, Pablo.

    Das Internet ist "Hilfe zur Selbsthilfe" und kann nur Vorschläge zu Bestimmung von Pilzen bieten. Eine Verzehrfreigabe ist online nicht möglich, die gibt's beim >Pilzsachverständigen<.

  • Hi Pablo


    DAS ist ja mal eine ausführliche und toll beschriebene Antwort - vielen Dank!

    Also frisch waren die alle - auch die der anderen Sammler. Wegen dem trockenen Wetter auch vollkommen frei von Fleischanteilen.


    Ich werde mir die Riesenschirmlinge alle mal genauer anschauen. Gestern habe ich noch welche mit weniger genattertem Stiel gesehen. Spannend jedenfalls.


    Dankende Grüsse aus der Ostschweiz,

    Raphael

    Sind Schweizer mit an Bord? Lust auf gemeinsame Streifzüge im Rheintal und Appenzell?

  • Hallo Raphael,


    ohne jetzt auf den o.g. konkreten Pilz einzugehen: ich finde ein/e guter PSV unterscheidet sich von einem weniger guten genau in einem Punkt, er/sie gibt nur die Pilze frei, die er/sie sie so gut kennt, dass er/sie sie selber essen würde. Im anderen Fall heisst das dann aber auch, mal einen Speisepilz eben nicht freizugeben, eben weil man ihn als PSV nicht eindeutig genug beurteilen kann.


    Ein Beispiel fällt mir dazu ein, die Schleiereule. Wenn man ihn kennt, ein sehr eindeutig bestimmbarer Pilz. Aber es gibt Regionen ohne Kalkböden, da gibt es diesen Pilz einfach nicht. Ein PSV würde ihn trotzdem identifizieren, aber mangels persönlicher Kenntnis grade nicht freigeben.


    Aber nochmal zum gezeigten, der sollte tatsächlich so universell kenntlich sein, dass eine Zurückweisung schon verwundert.


    Grüßle

    RudiS

  • Hallo in die Runde,

    meine letzten gewonnene Erkenntnisse über die Parasol/Schirmpilze ist, das eigentlich schöne und ansehnliche Objekte in schon ausgewachsener Form doch einen, nicht grad angenehmen Geruch verströmen. Normaler Weise habe ich diese Größenordnung mit Freuden gesammelt und in der bevorzugten Weise verarbeitet. (Paniert).

    Doch seit einiger Zeit schnupper erstmal bevor ich ans abschneiden gehe. (Bin ein Passionierter Abschneider mit anschließenden Verdecken der Schnittstelle, bei Steinpilzen.😊).

    Vielleicht hat jemand auch solch eine Erfahrung gemacht.


    Grüße Ralph

    Das Marmeladenbrot ist keine Katze :awardspeech:

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