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Eine Eiche und viele Pilze

  • Hallo Freunde der Saprophyten!


    Angeregt durch Emils schönen Beitrag, musste ich mich an meine gestrigen Funde an einer gefallenen Eiche denken.

    Selten konnte ich so viele Holzbewohner an einem einzigen Totholz vorfinden.

    Besonders die orangenen Kammpilze im saftig grünen Moss bildeten einen herrlichen Anblick - einfach toll!

    Gerne stelle auch ich im Folgenden die Funde vor.


    Der Baum, um den es geht, ist mitsamt dem Wurzelballen umgekippt.

    Er hat etliche starke Äste, von denen die allermeisten noch miteinander verbunden sind.

    Wie lange er schon liegt, weiß ich nicht, da ich zum ersten Mal in diesem Waldstück unterwegs war.

    Die Borke sitzt jedenfalls noch fest am Holz, dickes Moos überwuchert bereits die Äste:

    Bild 1 Eine liegende Eiche im Herbstwald


    Als erstes fielen mir bereits von weitem leuchtende Kammpilze auf.

    Zu allem Überfluss waren sie teilweise von orangenen Schleimpilz-Plasmodien überfallen.

    Bild 2a Orangerote Kammpilze (Phlebia radiata); rechts Befall durch einen Schleimpilz


    Die Farben und Formen des Kammpilzes sind immer wieder ein Hingucker!

    Bild 2b Kammpilz im grünen Moos


    Bild 1c Ein Schleimpilz macht sich über den Kammpilz her


    Gleich daneben bildet der Fleischrote Gallertbecher (Ascocoryne sarcoides) asexuell kleine Bündel von Fruchtkörpern.

    Bild 3 Fleischroter Gallertbecher


    Rechts davon ein großer Trupp Schwefelköpfe, vermutlich grünblättrige (Hypholoma fasciculare):

    Bild 4 Schwefelköpfe


    Einen Hauptast "weiter oben" ein strahlend weißer Porling, der auch feinste Moostriebe hochklettert und dort kleine Fruchtkörperchen ausbildet.

    Bild 5 Vermutlich der Weiße Labyrinth-Schütterzahn (Sistotrema muscicola) - wahrscheinlicher laut Pablo ist wohl ein Pilz der Gattung Trechispora (Stachelsporlinge)


    Zwei Etagen tiefer, knapp über dem Boden an kleineren Ästen, Winter-Stielporlinge.

    Auch sie werden teilweise ebenfalls von Schleimpilz-Plasmodien verspeist (nicht gezeigt).

    Bild 7 Winter-Stielporlinge (Lentinus brumalis)


    Auf der anderen Seite des Baums geht es Schlag auf Schlag weiter.

    Gelbstieliger Muschelseitling:

    Bild 8 Gelbstieliger Muschelseitling (Sarcomyxa serotina) neben Orangrotem Kammpilz (P. radiata)


    Knorpelporling:

    Bild 9 Orangeroter Zweifarbiger Knorpelporling (Skeletocutis amorpha) (Gloeoporus dichorus), da an Laubholz gefunden (Korrektur Pablo)


    Schmetterlingstrameten:

    Bild 10 Schmetterlingstrameten (Trametes versicolor)


    Bild 11 Striegelige Schichtpilze (Stereum hirsutum)


    Bild 12 Der Ockerrote Rundsporige Resupinatstacheling (Steccherinum ochraceum bourdotii), wegen Hutbildung und Stachellänge (Pablo)


    Ein von mir nicht zuordenbarer Porling sitzt auf der Oberseite eines Haupttriebes im Moos:

    Bild 13 Unbenannter Porling


    Beim folgenden Pilzfund ist mir nicht klar, ob es ein stacheliger Rindenpilz vorliegt, oder: könnte es vielleicht ein alter Kammpilz (Phlebia) sein?

    Die Ränder könnten für Phlebia sprechen, die parallel nach unten gerichteten "Stacheln" wären hingegen etwas untypisch...

    Bild 14 ??


    Ah, fast vergessen - der Zimtfarbene Weichporling wohnt auch noch in der gleichen Eiche:

    Bild 15 Der Zimtfarbene Weichporling (Hapalopilus rutilans)


    Bestimmt habe ich noch viele andere Pilzarten übersehen, u.a. die Unterseiten der Äste hätte ich besser inspizieren können...

    Der Baumstamm war ganz sicher der Glanzpunkt des gestrigen Waldspaziergangs.

    Sicher kann der eine oder andere meine Begeisterung verstehen.


    LG, Martin

    2 Mal editiert, zuletzt von KaMaMa () aus folgendem Grund: Rechtschreibung korrigiert Pilzbenennungen korrigiert

  • Hallo Martin, das Glück mit dem hungrigen Schleimi hatte ich vor genau 3 Jahren auch gehabt. Aufgrund der weiteren Entwicklung des über viele Tage beobachteten

    Myxomyceten ging ich von einem Fadenfruchtschleimpilz (Badhamia utricularis) aus.


    Bild 12 Ockerroter Resupinatstacheling (Steccherinum ochraceum) gefällt mir besonders.


    LG Emil


  • Hallo Emil ,


    wenn du das Foto vom Resupinatstacheling genau anschaust, kannst du einen Befall mit einem Kleinpilz erkennen.

    Schwarze Stielchen mit trüb-weißen Tröpfchen an der Spitze:


    Und die Noppen auf der Hutoberseite gehören auch nicht zum eigentlichen Pilz, eventuell ein zweiter Untermieter.

    Die folgende Aufnahme ist leider nicht scharf, was schade ist.

    Das wäre sicher interessant gewesen, genauer sehen zu können, was das sein könnte:


    Solche Sachen fallen mir halt erst zuhause am Bildschirm auf.


    LG, Martin

  • Ciao Martin,

    ich bin begeistert, ob der von dir beobachteten Pilz Vielfalt an den toten Eichenästen, dieser Baum ist bekanntermaßen auch das Eldorado für Insekten.

    Als Einsteiger in die Pilzkunde sind für mich ua die Schleimpilze neu und insbesondere das Phänomen, dass diese - ausschließlich? - andere Pilze fressen,

    kannst du mir dazu ev. einen entsprechenden, für Laien gut verständlichen Beitrag nennen,

    vielen Dank

    und mit lieben Grüssen

    Urs-Peter

  • Hallo Urs-Peter,


    ich bin weiß Gott kein Schleimpilz-Fachmann!

    Was ich zum Thema (zu glauben) weiß, kann ich dir aber in kurzen Worten schildern.

    Viele Schleimpilzte leben in faulem Holz, wo sie sich von holzzersetzenden Pilzen ernähren.

    Erst wenn sie ein bestimmte Größe erreicht haben, werden sie für unser Auge wahrnehmbar und bewegen sich auf der Oberfläche sichtbar umher, wo sie auch z.B. Pilzfruchtkörper befallen und zersetzen.

    Sie nehmen allerdings sicher alles in sich auf, was von ihnen verdaubar ist, also nicht nur Pilze.

    Letzlich bilden sie Fruchtkörper an einer für die Sporenausbreitung günstigen Stelle und der Zyklus beginnt von neuem.


    Schau doch mal hier ("Schleimpilze (Myxomyceten) am Gebäude - Indiz für holzzerstörende Pilze") rein, das ist kurz und informativ.


    Ansonsten kann ich leider nur die Suchmaschine empfehlen - oder, wenn du ein paar Euro auszugeben bereit bist und einige Tage Geduld für den Postweg auffbringst, das preiswerte Büchlein von Marion Geib "Myxomyceten, kleiner Führer für Exkursionen".

    Es ist wirklich sehr zu empfehlen, besonders, wenn man in das Thema Schleimpilze einsteigen möchte.

    Einen kurzen Austausch über das Buch kannst du hier (nämlich im Pilzforum.eu) finden.


    LG, Martin

  • Vielen Dank Martin für deine so prompte und zusammenfassende Antwort,

    das Büchlein werde ich mir besorgen und hoffe, bald einen dieser Schleimpilze selber zu entdecken...

    LG Urs-Peter

  • Hallo Martin,


    was für eine wunderbare Pilz-Reise :)


    Hast du unter die Schwefelköpfe runtergeschaut? Für mich sieht die Kombination von Hut- und Stielfarbe irgendwie komisch aus für einen Schwefelkopf.


    Ist der Zimtfarbene Weichporling so riesig, wie er wirkt? Dann bin ich ja voll neidisch. Ich finde immer nur höchstens daumengroße Fruchtkörper, und bin dann schon voll glücklich, überhaupt mal wieder einen gefunden zu haben. Das sind so wundervolle Färbepilze 😃


    Beste Grüße

    Sabine

  • Hallo Sabine,


    Nein, unter die Schwefelköpfe habe ich noch druntergeschaut, weil ich mehr auf die Rindenpilze geachtet hatte. Die Pilze mit Hut waren nur Beifang. Die Grünblättrigen erschienen mir plausibelsten, die wachsen hier überall. Du hast Recht, das könnten auch andere sein...


    Zu den Zimtfarbenen kann ich sagen, dass das die größten und die meisten Fruchtkörper waren, die ich bisher an einer Stelle gefunden habe.

    Der Mehrfach-Fruchkörper war schon wirklich größ und einige Zentimeter (5,6 cm? ich muss raten, hatte kein Messschieber dabei) breit.


    LG, Martin

  • Hallo, Martin!


    Solche Stämme sind großartig, gerade wenn es feucht und kühl ist bilden so viele der darin und daran leebenden Arten ihre Fruchtkörper! Dieses Spektakel hast du wunderbar dokumentiert. :thumbup:


    Wenn ich mir Anmerkungen zu einzelnen Finden erlauben darf:
    Bild 5: Sistotrema muscicola ist eine wirklich seltene Art, und das Problem dabei: Eine Menge Arten aus anderen Gattungen können ebenso aussehen, und auch mal ihre Fruchtkörper auf umliegenden Moosen platzieren. Einige Trechispora - Arten zB wären erheblich häufiger, die Wahrscheinlichkeit dafür also deutlich höher. Ohne mikroskopische Untersuchung lässt sich dieser schicke, weißliche Porling nicht wirklich einordnen.

    Bild 9: Skeletocutis amorpha an Laubholz ist in aller Regel nicht Skeletocutis amorpha, sondern Gloeoporus dichrous (Zweifarbiger Porling). :wink:

    Bild 12: Mit den sehr unregelmäßigen, teilweise aber ganz schön groß und kräftig wirkenden Stacheln, sowie zudem der ausgeprägten Hutbildung halte ich makroskopisch Steccherinum bourdotii (Rundsporiger Resupinatstacheling) hier für deutlich wahrscheinlicher.

    Bild 13: Kann ich leider auch nicht einordnen, weil auch da Mikrodetails wichtig wären. Aber: Auch da wäre nun ein Porling (und offensichtlich was Anderes als der auf Bild5), der auf Mosspflanzen herumkrabbelt.

    Bild 14: Die "stacheligen" Phlebia - Arten ("Mycoacia") richten ihre Stacheln oder Zähnchen schon geotrop aus. Allerdings denke ich, daß das hier nicht in die Ecke gehört, sondern eher bei Hyphodontia s.l. bzw. Radulomyces (molaris) zu suchen ist. Für Radulomyces stehen mir die Stacheln allerdings nicht dicht genug. Xylodon quercinus / Hyphodontia quercina wäre noch eine recht naheliegende Option, aber solche stacheligen Rindenpilze gibt es eben auch eine ganze Menge. :hmmm:


    Mit den satt gelben Stielen und vom Habitus her finde ich übrigens Grüne Sschwefelköpfchen für die Pilze auf Bild 4 sehr plausibel. :thumbup:



    Lg; Pablo.

    Das Internet ist "Hilfe zur Selbsthilfe" und kann nur Vorschläge zu Bestimmung von Pilzen bieten. Eine Verzehrfreigabe ist online nicht möglich, die gibt's beim >Pilzsachverständigen<.

  • Hallo Pablo!


    Selbstverständlich darfst du mich sehr gerne korrigieren, ich bitte sogar darum!

    Und vielen Dank für deine Berichtigungen und danke auch für das Lob.

    Auch wenn nicht alles richtig war, geht doch das meiste in die richtige Richtung


    ad 5: Ja, stimmt: die Trechisporae und vuielleicht auch die Anomalomae sehen fast identisch aus wie Sistotrema! Bei dem Versuch einer makroskopischen Einordnung bewegt man sich also auf Glatteis.

    ad 9: Beim Gloeoporus hab ich nicht aufgepasst und nicht erwartet, dass Gloeoporus auch derartig resupinat vorkommt und deshalb Skeletocutis (amorpha) gewählt, der aber auf Kiefern und anderen Nadelgehölzen wächst - reingefallen!

    ad 12: Steccherinum ochraceum kann zwar Hüte bilden, tut das aber eher selten, zudem sind wohl die Stachen dann eher deutlich kürzer als hier - aha!

    ad 13: Hätte mich auch gewundert, wenn da was makroskopisch zu reißen gewesen wäre...

    ad 14: halte ich weiterhin für eine alte, verfärbte Kruste, die nicht weiter beachtet werden sollte, da nicht zuordenbar


    Ich bin so frei und korrigiere oben, damit es bei den Bildern richtig(er) beschieben wird.


    LG und Danke, Martin

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